Free OZ – ART AND ACTIVISM

Via Mail / Indy­me­dia: „Am 3. Februar 2011 beginnt ein Ver­fah­ren gegen Ham­burgs bekann­tes­ten Graffiti-Künstler. Bereits acht Jahre sei­nes Lebens saß Oz im Gefäng­nis. Nun droht ihm eine wei­tere, im schlimms­ten Fall mehr­jäh­rige Haft­strafe für seine künst­le­ri­sche Tätigkeit.

Oz wird dabei nicht nur als ein­zel­ner Streetart-Aktivist, son­dern stell­ver­tre­tend für Graf­fiti als kri­mi­na­li­sierte Form urba­ner Kunst ver­folgt. Die aktu­el­len Vor­würfe sind meist banal. Viel­fach geht es um „Straf­ta­ten“ wie die Ver­schö­ne­rung der Rück­seite von Ver­kehrs­schil­dern oder das Anbrin­gen von Auf­kle­bern an Auto­ma­ten. Kri­mi­na­li­siert wird Oz ganz offen­sicht­lich nicht für diese Taten, sie erschei­nen ein­fach zu unauf­dring­lich, son­dern für sein Gesamt­werk. Bis­her wurde Oz meist ohne kri­ti­sche Öffent­lich­keit kri­mi­na­li­siert. Dies scheint sich nun zu ändern. Am Diens­tag den 1.2.2011 fin­det eine Info- und Soli­da­ri­täts­ver­an­stal­tung im Gän­ge­vier­tel zum aktu­el­len Pro­zess und der Repres­sion gegen Oz statt. Von Soli­da­ri­täts­grup­pen wird zudem inzwi­schen auf­ge­ru­fen den Pro­zess zu besuchen.

Ein Gespenst geht um in den Städten!

Gemes­sen am Bekannt­heits­grad dürfte Oz einer der erfolg­reichs­ten Gra­fi­ker und Maler aus Ham­burg sein. In ganz Europa kennt man seine Smi­leys und sein Logo, wel­ches in Ham­burg all­ge­gen­wär­tig erscheint. Wo andere Künstler_innen umwor­ben und ver­ein­nahmt wer­den, die Stadt ver­sucht, deren krea­ti­ven Ruhm für den Stand­ort und die Marke Ham­burg zu ver­mark­ten, wird im Fall von Oz mit bei­spiel­lo­ser Repres­sion rea­giert. Der Grund ist ein­fa­cher Natur: der Haupt­teil sei­ner Arbei­ten ent­zieht sich einer öko­no­mi­schen Verwertung.

In Boulevard-Medien wurde er in den ver­gan­ge­nen Jah­ren mit dicken Schlag­zei­len als „Außen­ste­hen­der“ und „Bedro­hung der Gesell­schaft“ dif­fa­miert. Seine Arbei­ten wer­den aus die­sem Blick­win­kel nicht als Berei­che­rung für die Men­schen dar­ge­stellt, son­dern als dif­fuse Gefahr für die All­ge­mein­heit her­auf­be­schwo­ren. Das Urbane wird in die­ser Deu­tung jen­seits eines his­to­ri­schen Begrif­fes der Frei­heit von Stadt­luft zu einer sehr deut­schen Form von Schick­sals­ge­mein­schaft, der es sich unter­zu­ord­nen gilt. Men­schen, die auf ihre Auto­no­mie behar­ren oder ein­fach sper­rig sind, wer­den dabei als zu bekämp­fende Abwei­chung betrach­tet.
Einer­seits offen­bart sich darin eine uralte, tief­sit­zende bür­ger­li­che Ver­ach­tung gegen­über ande­ren Lebens­ent­wür­fen, ande­rer­seits feh­len die Vor­aus­set­zun­gen, die Bedeu­tung kul­tu­rel­ler Aus­drucks­for­men zu ver­ste­hen, die sich öko­no­mi­scher Sinn­haf­tig­keit schein­bar ver­wei­gern. Doch da die Gesetz­mä­ßig­kei­ten des Kunst­mark­tes sich auch in jene Berei­che erstre­cken, die ver­su­chen sich ihm ent­zie­hen, ist ein Teil der Arbeit von Oz inzwi­schen durch­aus auch in Aus­stel­lun­gen und Gale­rien gelan­det. Er steht damit in der Tra­di­tion von umstrit­te­nen Künst­lern wie Gér­ard Zlo­ty­ka­mien oder Harald Naegelie,

Dass „ver­gnüg­li­cher Van­da­lis­mus“ Kunst dar­stel­len kann, wit­tert sogar das Flagg­schiff han­sea­ti­scher Lese­kul­tur, die Zeit. Wird dort doch ein ande­rer Street-Art Akti­vist regel­recht gefei­ert: „Mit Banksy wurde der urbane Van­da­lis­mus unter­halt­sam, wie kein ande­rer ver­steht er sich dar­auf, die ödes­ten Städte in lust­volle Aus­stel­lungs­räume zu ver­wan­deln.“ Ana­lo­gien sind ein gefähr­li­ches Pflas­ter und obwohl Smi­leys auf Stop­schil­dern der Iro­nie von Bansky durch­aus ent­spre­chen, soll es nicht darum gehen, die Arbei­ten bei­der zu ver­glei­chen. Doch wer mag, stelle sich vor, Bansky hätte nicht im hip­pen Lon­don, son­dern im schil­lern­den Ham­burg gelebt. Die Ham­bur­ger Staats­an­walt­schaft hätte ihn durch 12 MEK Beamte obser­vie­ren las­sen, vor Gericht erfolg­los nach Mög­lich­kei­ten gesucht, ihm als „noto­ri­schen Sach­be­schä­di­ger“ die Schuld­fä­hig­keit abzu­spre­chen und ihn damit als Trieb­tä­ter zu klas­si­fi­zie­ren und mit Sicher­heits­ver­wah­rung zu bedro­hen. In den Medien wäre sein Urteil hämisch mit „Graf­fi­tis nur noch im Knast“ begrüßt wor­den und er hätte große Teile sei­nes Lebens in Haft verbracht.

Wir fra­gen uns, wo liegt das Ver­bre­chen beim Zeich­nen eines Smi­leys auf einen Strom­kas­ten oder eine leere Wand? Wie lässt sich ver­ste­hen oder erklä­ren, dass ein Mensch des­halb eine in der Summe mehr­jäh­rige Haft­strafe erhält, wel­che von der Dauer einer juris­ti­schen Schwere von Taten wie Mord oder Tot­schlag gleich­kommt? Eine Gesell­schaft, die dies bejaht oder zulässt, bewegt sich nicht nur jen­seits recht­li­cher Mini­mal­stan­dards, son­dern ist in jeder Hin­sicht auto­ri­tär und inhu­man, Sie begeg­net der ele­men­tars­ten aller Frei­hei­ten mit einem der schwers­ten aller Mit­tel: Dem Recht auf Sicht­bar­keit, Spra­che und Selbst­deu­tung der eige­nen Exis­tenz mit lang­jäh­ri­gem Frei­heits­ent­zug und dem Gebot des Schweigens.

Der juris­ti­sche Exor­zis­mus, mit dem die Zei­chen Oz aus­ge­trie­ben wer­den sol­len, geht ein­her mit einem zuneh­mend repres­si­ve­ren Begriff von Stadt und öffent­li­chem Raum. Kame­ra­über­wa­chung, staat­li­che und pri­va­ti­sierte Kon­trolle, Sau­ber­keit und Ord­nung als Mess­punkte sub­jek­ti­ver Sicher­heit durch­drin­gen den öffent­li­chen Raum. Paro­len, Bil­der, Pla­kate, Demons­tra­tio­nen oder Stra­ßen­thea­ter sind Bestand­teile des öffent­li­chen Lebens.

Das meiste davon wird in den Innen­städ­ten mitt­ler­weile ver­bo­ten, um einen rei­bungs­lo­sen Kon­sum zu per­fek­tio­nie­ren. Im bür­ger­li­chen Ver­ständ­nis von Frei­heit soll ökonomisch-rational gehan­delt wer­den und Selbst­ver­wirk­li­chung erfolgt durch Arbeit und Waren­kon­sum. In den sur­rea­len Bot­schaf­ten von Oz liegt eine sub­tile Wider­stands­hand­lung gegen Zwänge die mit sol­chen Nor­men ver­bun­den sind. Sie spre­chen eine ver­bor­gene Ver­wei­ge­rungs­hal­tung an, eine innere Abwehr gegen die Auf­gabe non­kon­for­mer Indi­vi­dua­li­tät durch Selbst­ein­ord­nung in städ­ti­sche Ordnungs- und Kon­troll­räume. Sie ver­wei­gern sich dem Dik­tat einer Funk­tio­na­li­tät und Ver­wer­tung im Kapitalimus.

Men­schen wie Oz gehö­ren nicht in den Knast, son­dern zum Leben in der Stadt. Sie sind wich­tig, weil sie sich zei­gen und einem Gewalt­ver­hält­nis, das uns in Form von nack­ten Wän­den und schrei­en­der Wer­be­wirk­lich­keit umgibt, nach­denk­li­che Mus­ter und For­men ver­lei­hen. Oz ver­leiht der Archi­tek­tur der Stadt dabei eine Würde, die von Gold­grä­ber­stim­mung und Inves­to­ren­land­schaf­ten, wach­sen­der Stadt und Sicher­heits­be­dürf­nis­sen längst ver­ges­sen und ver­drängt wurde. Er gibt dem Bedürf­nis nach Leben eine Spra­che, die von den Mau­ern wie­der­hallt, kopiert wird und sich weiterverbreitet.

Das „Gespenst“ ist für den fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen Jac­ques Der­rida, das ein­si­ckerrn eines toten Zei­chens in einen leben­di­gen Dis­kurs. In „Marx Gespens­ter“ ist es die Idee der Gerech­tig­keit. Es gibt Men­schen, die Marx ver­ges­sen las­sen wol­len, aber seine Gespens­ter wer­den sie nicht los. Sie „trans­for­mie­ren“ sich, nie­mand kann sagen, wann und wo sie auf­tau­chen, doch sie kom­men immer wie­der. Auch die Sym­bol­wel­ten von Oz trot­zen der repres­si­ven Wirk­lich­keit und ver­viel­fäl­ti­gen sich. Sie beschwö­ren Unsi­cher­heit in den Augen von Ordnungsfanatiker_innen und eine Kulisse des Begeh­rens für andere.

Sie erzäh­len nichts über die Urhe­ber­schaft oder eine Hand­lung von Oz, son­dern davon, dass die Stadt kein toter Ort von Sach­zwän­gen ist. Der Schrift­zug Oz, die Smi­leys und Krin­gel sind künst­le­ri­scher Pro­test für Urba­ni­tät als Begriff von Frei­heit gegen­über dem ver­meint­lich Not­wen­di­gen. Es gibt über 100 000 Oz Graf­fi­tis, sie sind in ande­ren Städ­ten in Europa auf­ge­taucht und ent­stan­den auch wäh­rend sei­ner Haft­zeit. Es ist nicht die Per­son, die jetzt ver­ur­teilt wer­den soll, son­dern der Ver­such, Gespens­ter zu ver­trei­ben, die Auf­be­geh­ren gegen die schein­bare Alter­na­tiv­lo­sig­keit einer beste­hen­den Ord­nung und Welt­sicht. Eine Welt­sicht, wel­che die Öko­no­mie zu einem Fetisch, Sinn und Zweck erklärt, dem sich das Poli­ti­sche, die Kunst und das Leben in der Stadt unter­zu­ord­nen haben. Darin besteht die Sub­ver­si­vi­tät der Smi­leys, das ent­grenzte Straf­be­dürf­nis, die Hys­te­rie gegen die sich gespens­ter­haft ver­brei­ten­den Zei­chen und den Men­schen Oz.

Wir for­dern Frei­heit für Oz und die Ein­stel­lung sei­nes Ver­fah­rens, weil jeder andere Zustand staat­li­che Gewalt als Modell und Kitt des gesell­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens beför­dert und den Ver­lust von indi­vi­du­el­ler Frei­heit zuguns­ten der Zwänge einer öko­no­mi­schen Schick­sals­ge­mein­schaft bedeu­tet. Wer Oz aus dem Bild der Stadt ver­trei­ben will, will nicht ihm alleine die Spra­che rau­ben, son­dern allen, die ver­su­chen, sich neu zu erfin­den und sich jen­seits beste­hen­der Nor­men aus­drü­cken wollen.“


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6 Antworten auf “Free OZ – ART AND ACTIVISM”


  1. Gravatar Icon 1 moere 31. Januar 2011 um 17:52 Uhr

    :-?
    Das wichtigste fehlt in dem hier reinkopierten Text, der Aufruf, bitte einfuegen, danke, hier:
    :)>-

    Für eine Stadt der Zeichen, Bilder und
    surrealen Botschaften!
    Freiheit für Oz und Einstellung des Verfahrens!

    AG Repression und Solidarität
    Kontakt: freeoz@gmx.de

    Dienstag 1.2.2011
    Info- und Solidaritätsveranstaltung im Gängeviertel
    zum aktuellen Prozess und der Repression gegen Oz
    20 Uhr

    ………………………………….
    Spendet Geld für Prozesskosten und die Öffentlichkeitsarbeit.
    Zeigt Solidarität und besucht den Prozess gegen Oz. Leitet diese Solidaritätserklärung weiter und veröffentlicht sie.

    Prozesstermine
    3.2. 13 Uhr | 11.2. 9-13 Uhr | 18.2. 9-13 Uhr
    25.2. 9-13 Uhr | 4.3. 9-13 Uhr | 11.3. 9-13 Uhr
    Amtsgericht Barmbeck Saal E 10

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