Von der Straße in die Galerie – und zurück

Nen Artikel ueber Nomad und seine heute Abend in der CC-Galerie startenden Ausstellung in der heutigen Print-Ausgaabe der Berliner Morgenpost (hier Online):

Von der Straße in die Galerie – und zurück

In zwei Wochen will er wieder abhauen. Herumreisen, so ganz ohne festen Wohnsitz. Seine Möbel will er verschenken, die Klamotten wegschmeißen. Behalten will er eigentlich nur die Plattensammlung.

„In Berlin kenne ich jeden Stein, jede Taube“, sagt Nomad und man versteht, warum er sich gerade diesen Künstlernamen zugelegt hat. Immerhin 13 Jahre hat er es trotz seines Hangs zum Nomadentum in Berlin ausgehalten, und einmal im Jahr will er auch künftig zurückkehren: für Einzelausstellungen. Seine erste wird heute in der Circleculture Gallery in Mitte eröffnet.

Die gezeigten Exponate sind nicht unbedingt das, was man von einem erwartet, der zur Street-Art-Szene gehört, diese Kunstrichtung quasi mit begründete. Einer, der immer seinen Marker in der Tasche hat, um spontanen Einfällen folgend Wände oder Sperrmüll zu bemalen. Bei „Rainbow coloured tears of a clown“ trifft klassische Malerei auf Fotografie und Siebdruck. Moderne auf Renaissance und afrikanische Volkskunst.
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Kampf gegen das Klischee

„Hier clashen sehr konträre Kunstrichtungen ungeordnet zusammen“, sagt der 39-Jährige. Er betont: „Ich habe Spaß daran, mit dieser Ausstellung eine richtige Schelle auszuteilen gegen Street-Art-Klischees. Mir war es zuwider, einfach nur der Typ zu sein, der diese lustigen Männchen malt und Sprüche klopft. Ich will mich als Maler weiterentwickeln.“

Vor mehr als 20 Jahren hat Nomad, der aus einem „Kaff in Nordostoberfranken“ stammt, seine ersten Schritte in der Graffiti-Szene getan. Bloß ein „Mitläufer“ sei er gewesen, „kein großartiges Talent, eher eine wandelnde Katastrophe“. Nicht mal gerade Linien habe er ziehen können. Irgendwann konzentrierte er sich dann auf das, was er beherrschte. Er entwickelte eigene Charaktere und Sprüche, die in Kommunikation zu ihrer Umgebung und den Menschen auf der Straße traten. Und diese lernten mit der Zeit tatsächlich, „Wände zu lesen“. „Als wir jung waren, sind wir einem inneren Antrieb gefolgt, wir hatten keine Vorbilder“, sagt Nomad und nennt als Mitstreiter berühmte Kollegen wie Banksy in London und Swoon in New York. Ganz anders sei das gewesen als bei der neuen Generation, die einen richtigen „Geschäftszweig“ für sich entdeckt habe. „Ich könnte schon reich sein“, sagt Nomad, „aber ich habe keine Lust, großen Marken Authentizität zu verkaufen. Ich will Kunst verkaufen!“

Nicht einmal eine Homepage habe er. Und der Hype um die eigene Person befremde ihn. Allein in den vergangenen sechs Jahren hat er geschätzte 2000 bis 2500 Sperrmüllobjekte bemalt, jede Nacht war er in seinem Atelier, der Straße, aktiv. Die meisten Werke wurden sofort mitgenommen. „Eine irgendwie irrsinnige Sammelleidenschaft“, kommentiert der 39-Jährige trocken. Die es ihm irgendwann schwer gemacht habe, mit dem gleichen Elan ans Werk zu gehen.

Und vielleicht noch ein Grund mehr, sich in einem richtigen Atelier zu versuchen. „Ich lege keinen Wert darauf zu zerstören. Obwohl es doch gelegentlich unweigerlich vorkommt.“ Schon früh hat Nomad, der früher auch als DJ und bei einer Schallplattenfirma gearbeitet hat („das ist alles nicht wichtig“), mit Galerien kooperiert. Im Knast ist er wegen seiner anderen Aktivitäten trotzdem mehrmals gelandet. Prag, Paris, Mailand, Barcelona, Göteborg und Los Angeles – Nomad hat in der ganzen Welt seine Kunst hinterlassen. So, wie seine Karriere vorangegangen ist, habe das aber nur in Berlin passieren können. Und das sagt er nicht, weil er wirklich so viel von seiner Wahlheimat hält, sondern „weil hier genug Sperrmüll rumliegt und in der Stadt junge Kulturinteressierte leben“. Ansonsten würde er jungen Künstlern raten, sich wie er auch außerhalb von Berlin umzuschauen.
Ein Sommer in Hollywood

An seinem Sakko trägt er einen Pin mit dem Slogan „I love L.A.“. Mit Los Angeles verbindet ihn eine ganz besondere Beziehung. 1990 ist er dort „gestrandet“, sein Auto brach zusammen, fast zweieinhalb Monate lebte er auf der Straße. „Ich fing an, sehr intensiv Tagebuch zu schreiben und zu zeichnen. Ich glaube, damals hat sich entschieden, dass ich Künstler werde.“ Vergangenen Sommer war er wieder in Los Angeles, doch seine Bleibe hätte gegensätzlicher kaum sein können. Kost und Logis, das, was er jahrelang gegen seine Kunst hatte eintauschen müssen, bekam er diesmal in Hollywood von Demi Moore und Ashton Kutcher.

Die Schauspielerin war zur Berlinale in Berlin gewesen und weil ihr Lebensgefährte so ein Nomad-Fan ist, habe sie eine mit Nomad befreundete Kuratorin „bekniet“, ihr dessen Nummer zu geben. „Ich wusste nicht mal, dass Ashton Bilder von mir auf seiner Twitter-Page verwendet hat.“ Die hat immerhin mehrere Millionen Anhänger. Eines Nachts erreicht Demi Moore den Künstler dann doch. Auf einer Ausstellungseröffnung in L.A. lernt man sich schließlich persönlich kennen. „Wir sind dann schnell auf eine sehr nette, persönliche Ebene gekommen“, sagt Nomad. „Und bei Ashton hat man schnell gemerkt, dass er meine Werke wirklich versteht.“ Schließlich wohnt er sechs Wochen bei dem Paar, lernt die ganze Familie kennen inklusive Bruce Willis, der ein „total netter Typ“ sei. „Das sind doch alles nur ganz normale Leute. Ich bin niemand, der andere idolisiert. Ich sehe den Menschen, nicht die Rolle.“

Nomad ärgert sich, was alles in den Medien über diese Zeit geschrieben wurde. „Ich war auf keiner einzigen Hollywood-Party. Hab stattdessen auch mal betrunken bei Kumpels auf dem Fußboden gepennt.“ Wahr ist allerdings, dass Nomad zusammen mit Kutcher das Dach des Planet Hollywood Resorts und Casinos verzierte – mit einem überdimensionalen Einarmigen Banditen. „Eine tolle Zeit, aber damit ist meine Karriere ja nicht zu Ende.“

Er glaubt an seine Mission, will die Menschen auf heitere Art und Weise zum Nachdenken bewegen. Auch mit seiner aktuellen Ausstellung. Obwohl er nicht der Typ ist, der zu Vernissagen geht – seiner eigenen sieht er mit Spannung entgegen. „Es wird interessant sein, die Reaktionen zu erleben.“ Positiv oder negativ, Hauptsache, die Besucher zeigten überhaupt eine. „Lauwarm ist nicht mein Ding.“

Und dann wieder der Neuanfang. Erst einmal werde er zusammen mit einem Freund an einem Fotobuch arbeiten. Dann wolle er sich gezielt ein paar Bauvorhaben ausgucken, zum Beispiel hässliche Betonquader vor der Küste Gran Canarias, und auf seine Weise ein Statement dazu abgeben. Ob es komisch sei, unter einem Pseudonym zu leben? „Aber ich bin doch Nomad, die andere Person gibt es nicht mehr.“ Sagt er, lächelt ein bisschen ironisch und schiebt hinterher, dass er sich tatsächlich immer mit Hans vorstelle.

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1 Antwort auf “Von der Straße in die Galerie – und zurück”


  1. 1 Von der Straße in die Galerie – und zurück Pingback am 03. November 2009 um 14:57 Uhr
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