Solovei / What’s love got to do with it

Solovei - Fish And Woman

Keine Ahnung wie es Euch geht, aber Just fehlt doch sehr! Um das Warten zu verkürzen, haben wir noch mal tief in der Kiste gekramt und dieses WSJ-Interview mit Solovei zu Tage gefördert. Zwar schon 3 Jahre alt, aber immer noch lesenswert!

Interview, Frühjahr 2005:

Wenn man Plakatfiguren von SOLOVEI sieht, kann einem wirklich das Herz aufgehen! Die Zeichnungen der umtriebigen New Yorker Künstlerin sind an sich schon beeindruckend!
Aber daß sie diese aufwendigen Originale direkt verklebt, läßt einen dann in ungläubiger Faszination erstarren! SOLOVEIS monumentaler Strich und die Kurzlebigkeit von Straßenkunst gehen auf den Häuserwänden ein kraftvolles Bündnis ein.
Besonders packend ist ihre Plakatserie von Figuren, die mit gesenktem Haupt in der Ecke stehen.
Hier fühlt sich der Betrachter unter Umständen nicht ganz wohl: Auf der einen Seite ist man den Figuren in ihrer Einsamkeit sehr nah. Andererseits macht einen die Nacktheit der Körper, die öffentliche Intimität zum Voyeur.
Daß wir uns der Magie von SOLOVEIS Kunst einfach nicht entziehen können, bringt uns in beste Gesellschaft. So hieß die eindrucksvolle Ausstellung von SOLOVEI und ihrer Freundin SWOON im Berliner URBAN-ART.INFO vor zwei Jahren kurzerhand: “SWOON LOVES SOLOVEI”. Dem können wir uns nur anschließen. Schließlich hat die russischstämmige Künstlerin selber sehr viel Liebe zu geben. Berlin ist derzeit zum wiederholten Male der Ort ihres Schaffens.
Eine gute Gelegenheit sie zu einem Gespräch zu bitten.

WSJ: Deine Bilder erinnern uns oft an Traumbilder, mythologische Szenen und/oder an wesentliche menschliche Zustände. Wonach genau suchst Du?
SOLOVEI: Es gibt keine einheitliche Formel, kein Ziel. Manchmal will ich Dir das Herz rausreißen, manchmal mich drüber lustig machen, manchmal ist es reine Liebe und manchmal ein guter Lacher. Ziemlich oft geht es um beides. Nur eine Sache ist so wunderschön wie die Traurigkeit selbst: nämlich sie lachend hinter sich zu lassen. Beim Zeichnen denke ich immer an Menschen. Wenn ich auf einem Planeten wäre, auf dem die Bilder sinnlos wären, würde ich wahrscheinlich formlos zeichnen, aber immer noch mit derselben Hand. Diese Hand macht mich aus, und genau das kann ich nicht erklären.

WSJ: Die meisten Leute in Deinen Zeichnungen sind nackt. Diese Nacktheit wirkt sehr selbstverständlich und unberührt. Was assoziierst Du mit diesem Thema?
SOLOVEI: Die Nacktheit ermöglicht es meinen Figuren, dem Zeitkontext zu entfliehen, sie sterblich und unsterblich zu machen. Die Nacktheit, die Göttern gewährt wird, liegt uns viel näher als alles, was wir je besitzen könnten, um sie zu verdecken.

WSJ: Nacktheit in der Öffentlichkeit zu zeigen, dazu noch an Wände gekleistert, das erscheint uns ein doppelter Tabubruch zu sein. Ist das beabsichtigt?
SOLOVEI: Ich liebe es. Die verletzbare Nacktheit wird mit Ziegelsteinen und Zement konfrontiert, die eigentlich dazu dienen, sie zu verstecken.

WSJ: Wie hast Du eigentlich angefangen, Deine Arbeiten nach draußen zu kleben? Gab es einen Auslöser?
SOLOVEI: Als ich noch in der Schule war, schien es gerechtfertigt aber irrelevant, Kunst zu machen. Die ebenfalls irrelevante aber allgegenwärtig vorherschende Werbung schien jegliche Aspekte des Lebens zu verschlucken. Bis auf einen: Schönheit. Die Schönheit von Straßenkunst besteht nicht in der Ästhetik, sondern darin, daß sie ein Geschenk ist. Als ich begriffen habe, daß ich für die Straße (Menschen) zeichnen kann, empfand ich eine solche Ehrfurcht vor dieser Vollendung! Ich hatte großes Glück, gute Freunde zu haben, die auf der Straße aktiv sind und mich ermutigt haben, dasselbe zu tun.

WSJ: Wie suchst Du Dir eine Stelle für Deine Arbeiten aus? Verfolgst Du bestimmte Strategien – mit Deiner Arbeit oder draußen?
SOLOVEI: Manchmal ziemlich unbedacht und spontan (was für eine schöne pinke Wand!), manchmal überlegt und ortsbezogen. Mir gefallen mehr und mehr Sachen, die eine direkte Verbindung zur Stelle haben.

WSJ: Deine Kunst erscheint uns unheimlich bedeutend! Wir könnten sie uns sie auch ganz woanders, abseits der Straße, vorstellen, ohne daß ihre Magie verliert. Wo werden wir Deine Arbeiten in zehn Jahren finden?
SOLOVEI: Ich weiß nicht. Ich male sehr gerne Wandgemälde. Ich würde gerne Kirchen ausmalen.

WSJ: Erzähl uns etwas mehr über Deinen künstlerischen Background (Idole, Einflüsse, Ausbildung usw)!
SOLOVEI: Ich habe Illustration studiert. Vermeer, Henri Roussou, präfotografische Darstellungen von seltenen Tieren und Denkmälern finde ich magisch . Darius Jones, SWOON, meine Freundin Leslie und viele andere haben mich am meisten beeinflußt. Diese Leute bringen so viel Liebe und Zeit für die Straße auf, und die Straße lächelt zurück.

WSJ: Wir haben von dem TOYSHOP-Kollektiv und dem MADAGASKAR INSTITUTE gehört. Bist Du ein Mitglied dieser Gruppen? Was ist deren Ziel?
SOLOVEI: Ihr Ziel ist es zu leben. Im Moment reise ich und bin kein aktives Mitglied von irgend etwas. Ich bin mir sicher, daß TOYSHOP etwas großartiges zusammenbraut und MADAGASKAR wahrscheinlich etwas im Schilde führen. Sollten sie auf diesen Kontinent kommen, werde ich ihnen auf jeden Fall unter die Arme greifen.

WSJ: Erzähl uns was über Deine Reise; wo warst Du schon und wo willst Du noch hin? Kleisterst Du überall, wo Du hinkommst? Gibt es irgendwelche spannenden Geschichten, die Du während des Klebens erlebt hast?
SOLOVEI: Wir sind in London losgefahren, sind durch Frankreich gereist, dann nach Berlin, Amsterdam, Zürich, Milan, Rom und das unvergeßliche Kalabrien, dann zurück nach Amsterdam, wo ich Leslie verloren habe, dann wieder Berlin (also jetzt) und bald geht’s mit einem anderen Freund auf Rädern nach Osteuropa und von dort nach Rußland. Wir haben versucht, den meisten Orten ein bißchen Liebe zu geben, indem wir in jeder Stadt neben den eigenen Arbeiten auch Portraits von einander zu bestimmten Themen geklebt haben. Dies ist eine Weiterentwicklung des altbekannten “wir waren hier”. Als wir London verlassen wollten, haben wir eine einladende Werbetafel entdeckt, Farbe aus dem Müll geholt und angefangen zu malen. Ein Mann kam dazu und bat uns, seine Bar um die Ecke zu bemalen. Eine Minute später hat uns die Polizei höflich gebeten aufzuhören. Die nächsten zwei Tage haben wir dann damit verbracht, exotische Pflanzen im Regen zu malen und so ein bißchen Geld zu verdienen.

WSJ: Die Geschichte von Graffiti ist ja allgemein bekannt. Was ist mit der sogenannten Street Art Bewegung (insbesondere Kleistern/Plakatieren )? Kannst Du uns Deine Version ihrer Entstehungsgeschichte und/oder irgendwelche Legenden erzählen?
SOLOVEI: Die Geschichte der Streetart ist noch nicht Geschichte. Aber eigentlich weiß ich nicht wirklich, wovon ich da rede.

WSJ: Es scheint, daß Du immer wieder Leute motivierst, mit ihren Arbeiten nach draußen zu gehen. Was hältst Du von der zunehmenden Masse an Street Art Aktivismus?
SOLOVEI: Ich bin momentan ein wenig zweigeteilt, was dies betrifft. Es ist eine absolute Freude aber auch gleichzeitig erschreckend, die Fülle von Arbeiten zu sehen, die Berlin wie keinen anderen Ort überschwemmt.
Erfreulich daran ist der Umstand, daß so viele Leute das Gefühl haben, ihrer Stadt etwas sagen zu können, ja daß man etwas vorsingen, herausschreien und zuflüstern kann. Das Veständnis, daß sich die Straßen zum Führen und Fortsetzen von Tagebüchern eignen, daß sie atmen.
Einerseits gut, andererseits dann aber auch entsetzlich ist die Leichtigkeit mit der Arbeiten auf die ohnehin schon vollgeballerten Straßen gebracht werden. Eine leere Seite erfordert Überlegung, wohingegen eine volle Seite Nachlässigkeit zuläßt. Nachlässigkeit hat nichts mit Stil, Aussage oder Methode zu tun, sie ist ein Mangel an Liebe. Die einzige Pflicht eines Straßenkünstlers besteht darin, seine Sachen mit Liebe zu tun. Wenn die Liebe fehlt, dann ist das Resultat nicht weit von Werbung entfernt. Es ist dann bloß ein weiteres bedeutungsloses Bild inmitten einer Flut an Überinformation, gegen die man sich nur verteidigen kann, indem man die Augen schließt. Wenn Leute allerdings ihre Augen verschließen, werden sie vielleicht auch keine Schönheit sehen. Das ist gefährlich.

WSJ: Könntest Du den folgenden Satz vervollständigen: Berlin ist nicht der richtige Ort um …
SOLOVEI: … fortzugehen.

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3 Antworten auf “Solovei / What’s love got to do with it”


  1. Gravatar Icon 1 im*moment*vorbei 29. Oktober 2008 um 2:32 Uhr

    „Keine Ahnung wie es Euch geht, aber Just fehlt doch sehr!“
    was ist los mit just?

  2. Gravatar Icon 2 Anartchy 29. Oktober 2008 um 18:15 Uhr

    ich vermute er wollte endlich mal erreichen dass alle beteiligten mehr posten und nicht immer er :d und dass ist auch gut so – er kann sich ruhig mal ein bissl zurücklehen – props an just-i-junge für die fleissige arbeit .. mein versprochener artikel kommt auch bald …:)>-

  3. Gravatar Icon 3 just 01. November 2008 um 18:05 Uhr

    hi, nee bin nur nicht in der zentrale(berlin) und das auch noch fuer eine ganze weile :-) ja und auf den artikel wird sich gefreut… gruesse.

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