+++Die neuen Straßenkünstler

Die neuen Straßenkünstler
von Kristina Allgöwer

Streetart hat nichts mehr mit Graffitis zu tun: Statt mit Sprühfarbe ziehen die neuen Straßenkünstler mit Seifenlauge, Lasern oder Minilautsprechern los.

soundbombsDas neue Graffiti ist eine kleine, durchsichtige Plastikkugel mit zwei Lautsprechern, vielen bunten Drähten und einem Bewegungssensor. Wer unter ihr durchgeht, wird beschallt: mit einem Kompliment oder einem politischen Statement, vielleicht mit einem Rülpser. Soundbombs heißen diese „non-visual Graffiti“, und erfunden hat sie der 28-jährige Felix Beck, ein Student an der Universität der Künste in Berlin.

Die Soundbombs sind typisch für eine neue Straßenkunst, die mit Kritzeleien an Hauswänden nicht mehr viel zu tun hat. „Der Trend geht zu dreidimensionalen Objekten“, sagt Clemens Wolf, Vorstandsmitglied des Instituts für Graffitiforschung in Wien. „Streetart verschmilzt immer mehr mit der Kunst im öffentlichen Raum.“ Der einzige Unterschied: Die Künstler fragen nach wie vor nicht um Erlaubnis.

Die ersten Konsumenten der Kunst Felix Becks waren vermutlich nicht sonderlich begeistert: Denn ursprünglich waren Soundbombs nur verstärkte Wecker, die nachts auf der Straße so lange klingelten, bis die Batterien leer waren oder bis die Polizei sie nach langem Suchen fand. Das war Beck irgendwann zu destruktiv, und so baute er Voice-Module in die Kugeln, besprach sie mit Gedichten und hängte sie in Bäume und unter Balkone.

Nur leider waren die Soundbombs, die Beck aus Einzelteilen im Wert von 20 Euro eigenhändig zusammengebastelt hatte, nach spätestens fünf Stunden geklaut. Geld verdienen wollte der Student mit seinem Streetart-Projekt zwar nicht, draufzahlen aber auch nicht. Und so kam er auf die Idee, dass sich Interessenten für den Kauf bei ihm bewerben müssen: „Je besser die Idee für den Einsatz der Soundbomb ist, desto niedriger darf der angebotene Preis sein“, erklärt Beck.

Tausende Bewerbungen

Rund 2600 Bewerbungen aus aller Welt hat Felix Beck inzwischen erhalten. Erfolgreich waren nur 75. Der Redakteur einer Einrichtungsshow im Privatfernsehen bekam keine Soundbomb; die wohlbeleibte Frau, die sich selbst akustisch vor zu viel Schokoladenkonsum warnen wollte, hatte mehr Glück.

Die Bürger von Madrid hatten sich nicht darum beworben, die Streetart des Künstlers mit dem Pseudonym „Spy“ konsumieren zu dürfen. Dennoch verschönerte der Spanier ein Straßenschild in ihrer Innenstadt: Mithilfe von sechs gelb bemalten Toilettendeckeln, die er nachts rings um das runde Schild befestigte, kreierte er eine Blume. Als ihn am nächsten Morgen ein Polizist ansprach, während er sein Werk fotografierte, wurde Spy verständlicherweise nervös. Doch dem Polizisten gefiel das Schild, und damit Spy freie Bahn für sein Foto hatte, stoppte er sogar den Verkehr für ihn.

Die Blume ist nur ein Projekt aus Spys „Urban Furniture“-Programm. Der Künstler drechselt Bleistiftspitzen für Straßenpfosten, malt Buchstaben aus Zebrastreifen oder schweißt Schriftzüge aus Absperrgittern. Aber auch das altbekannte Graffiti lebt in der neuen Streetart weiter. Es sieht nur anders aus.

Künstler wie der Brite Paul Curtis und der Brasilianer Alexandre Orion sprühen keine Farbe auf, sondern putzen Dreck weg, damit ihr Bild oder Schriftzug an der Wand sichtbar wird. „Reverse Graffiti“ heißt diese Technik, die an die geschmierte Aufforderung „Wasch mich“ auf schmutzigen Autoscheiben erinnert.

Mit Wasser und Schuhbürste statt mit der Spraydose bewaffnet, suchen sich die Künstler besonders dreckige Tunnels, Unterführungen oder Pflastersteine aus. Während „Reverse Graffiti“-Pionier Curtis die Technik auch für kommerzielle Zwecke nutzt und Werbebotschaften für Smirnoff oder Microsoft aus dem Schmutz leuchten lässt, hat Orions Arbeit einen politischen Hintergrund. Im vergangenen Sommer malte er unzählige Totenköpfe auf die rußigen Wände eines Straßentunnels in São Paulo, um auf die Umweltverschmutzung hinzuweisen. Und weil Saubermachen kein Vergehen ist, konnte Orion für seine Graffiti nicht belangt werden. Um die Totenköpfe wieder verschwinden zu lassen, blieb der Stadtverwaltung nur eine Möglichkeit: den gesamten Tunnel vom Ruß zu befreien.

Nachmachen gestaltet sich allerdings schwierig

Eine noch aufsehenerregendere Form des Graffiti hat das New Yorker Graffiti Research Lab entwickelt. Sein „L.A.S.E.R. Tag“-System kann die Bewegungen eines bleistiftgroßen Laserpointers auf riesige Wolkenkratzer projizieren. Die Ergebnisse sind kilometerweit zu sehen. „Don‘t trust Bush“ und „Pimp my House“ schrieben Streetart-Künstler im Februar quer über ein 20-stöckiges Bürogebäude in Rotterdam.

Das Nachmachen gestaltet sich allerdings schwierig. Zwar ist der Quellcode für die entsprechende Software im Internet zu finden. Neben Laptop, Beamer, Kamera und massenhaft Batterien ist aber auch noch ein „60 MW Green Laser“ vonnöten, und dieser ist laut Beschreibung „an vielen Orten super illegal und sehr gefährlich“.

Es kann also durchaus aufwendig und kostspielig sein, Streetart zu betreiben. Diese Erfahrung hat auch Felix Beck gemacht, der Erfinder der Soundbombs. Weil er keine Zeit mehr hat, die Plastikkugeln weiterhin eigenhändig zusammenzubauen, sucht er Geldgeber für eine serienreife Produktion. Damit das Projekt seinen künstlerischen Charakter dennoch nicht verliert, hat Beck eine Idee: Wie schon zuvor die Kaufinteressenten müssen ihm auch die Unternehmen eine Bewerbung schicken, um ihr Geld loszuwerden.

via „finacial times deutschland
link zu der seite der soundbombs von felix beck.

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1 Antwort auf “+++Die neuen Straßenkünstler”


  1. Gravatar Icon 1 irgendwer 04. April 2008 um 0:13 Uhr

    hi,

    auf der rechten wienzeile 34 ginbs 2 echt nette reversegrafitti zu bestaunen. lustigerweise stellen die jungs oder mädels ein gesicht damit dar und schreiben auch noch den namen ihres labels „artoxic“ dazu. hab bilder auf der myspace-seite von ihnen gefunden: http://myspace.com/artoxic
    keine ahnung wie sie das so scharf hinbekommen haben – echt cool

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